Der ausgewiesene Experte und anerkannte Vorreiter des Internet-TV, Ashley Highfield, Director New Media and Technology sowie Mitglied des Executive Board bei der BBC, dem Sender, der mit seinen Internetangeboten momentan zur Weltspitze gehört, meint: "Wir stehen am Rande einer Broadcast Revolution - und diesmal ist sie echt." Die Nachfrage und die Nutzung von Rich Media-Inhalten, also beispielsweise Videoclips, bei den BBC-Angeboten im Internet sei in den vergangenen Monaten "geradezu explodiert". Mittlerweile rangiere die BBC-Homepage bereits auf dem dritten Platz der meistgenutzten BBC-Medien. Bei einigen beliebten Radioprogrammen sei die Zahl der Downloads sogar schon so hoch wie die Zahl der jeweiligen Hörer bei der Ausstrahlung.
Dieser Trend zum Internet-TV bringt für Highfield erhebliche Änderungen für alle Fernsehsender mit sich. Dabei werde es zukünftig nicht reichen, qualitative Inhalte über schnelle Verbindungen zu den Usern zu bringen. Ebenso wichtig sei für die Sender künftig auch das Thema Funktionalität, denn den Erfolg von Google, Amazon, E-Bay und Co sieht er vor allem in ihrer ansprechenden, intelligenten und einfachen Funktionalität begründet.
Auch auf der Programmseite sagt Ashley Highfield durch die zunehmende Breitband-Internetnutzung erhebliche Veränderungen für die Sender voraus. "Künftig sind es nicht mehr die Sender allein, die Inhalte produzieren, es werden zunehmend auch die Nutzer sein." Eine These, die der Medienmanager mit zwei Beispielen illustrieren konnte: So schafften es die privaten Videoaufnahmen eines Urlaubers von der Tsunami-Katastrophe in Südostasien in alle Nachrichtensendungen der Welt und auch die mit dem Handy aufgenommene Videosequenz aus einem Londoner U-Bahnwagon direkt nach den Anschlägen des 7. Juli waren auf allen Kanälen zu sehen. Eine der Hauptaufgaben der Sender werde künftig im Sammeln und Verteilen von Inhalten bestehen, während sie sich bei der eigenen Produktion vielleicht eher auf hochwertige Inhalte konzentrieren würden.
Welche neuen, innovativen Wege die BBC bereits mit ihren Inhalten beschreitet, zeigen einige neue Services. So hat die BBC gerade auf ihrer Website ein eigenes Portal für Kurzfilme namens "Film Network" (www.bbc.co.uk/filmnetwork ) gestartet, das bereits kurz nach dem Start 50.000 User verzeichnen kann. Ein weiterer innovativer Service, der BBC Interactive Media Player, ermöglicht es seit kurzem, alle BBC-Programme direkt nach der Ausstrahlung aus dem Internet herunterzuladen und eine ganze Woche lang verfügbar zu halten. Selbst eine Vorprogrammierung beispielsweise eines Festplattenrekorders ist dank der enthaltenen elektronischen Programmzeitschrift möglich. Schon etabliert ist das Angebot "Superstars VJs", das den kostenlosen Download von Hunderten von BBC-Videoclips ermöglicht. Diese können dann in jeder Art bearbeitet und verändert werden. Mittlerweile zeigt die BBC die kreativsten dieser Arbeiten wiederum auf ihrer Website.
Ein neues Geschäftfeld, an dessen Entwicklung die BBC noch arbeitet, ist die Auswertung der eigenen Archive. "Wir haben rund 600.000 Stunden Programm in unseren Archiven, von denen 99 Prozent nicht genutzt werden", erklärt Ashley Highfield. Hier gehe es nun darum festzulegen, wie und in welcher Form diese Inhalte künftig über das Internet angeboten werden könnten. Angst vor illegaler Weiterverbreitung hat der BBC-Manager nicht. "Die Sender werden das Piraterie-Problem lösen - einfach weil die Nachfrage so ungeheuer groß ist."
Trotz der vielen neuen Internet-Angebote sieht Highfield das Verhältnis von klassischem TV und Internet-TV weniger als Konkurrenz, denn als Koexistenz. Schon jetzt zeichne sich, in Anlehnung an den Titel eines bekannten Popsongs, ab: "Video didn't kill the Radiostar." So verfolgten rund 300.000 User die Übertragung der Beerdigungsfeierlichkeiten von Papst Johannes Paul II. auf der BBC-Website - und erhöhten damit den Zuschaueranteil der BBC, die gleichzeitig auch live im TV berichtete, um glatte zehn Prozent.